Ausweise fälschen
Samson Cioma Schönhaus
„Der Auftrag ... [einen Stempel zu fälschen] beflügelt mich. Endlich kann ich mich wehren. Endlich muss ich nicht mehr tatenlos zusehen, was mit uns geschieht.“
Samson Schönhaus, genannt Cioma, kommt 1922 als einziger Sohn jüdisch-russischer Einwanderer in Berlin zur Welt und wächst in Berlin-Mitte auf. Die Familie wohnt in der Sophienstraße 33 und besitzt dort eine Mineralwasser-Firma, die 1938 von den Nationalsozialisten "arisiert" wird. Cioma Schönhaus muss 1937 das Gymnasium verlassen und zur Jüdischen Mittelschule wechseln. Seine Ausbildung zum Grafiker wird durch die Zwangsverpflichtung zu Bauarbeiten abgebrochen. Ab 1942 ist er in der Uniform- und Waffenproduktion zwangsverpflichtet. Seine Eltern Faiga (Fanja) und Beer (Boris) Schönhaus werden im Juni 1942 ins deutsch besetzte Polen deportiert und ermordet. Dasselbe Schicksal erleiden seine Großmutter und andere Verwandte. Als Rüstungsarbeiter der Firma Genschow AG von der Verschleppung zurückgestellt, bleibt Cioma Schönhaus in Berlin zurück.
Bald entzieht er sich den Bestimmungen, wo immer er kann, und trifft sich mit Regimegegnern. Er verkauft allen Hausrat seiner Eltern, noch ehe der Staat die Sachen beschlagnahmt, und hat dadurch etwas Geld zur Verfügung. Für einen Kreis evangelischer Christen aus der Bekenntnisgemeinde Berlin-Dahlem, der Verfolgten beisteht, fälscht Schönhaus erstmals einen Ausweis. Ein Vorbild dafür gibt es nicht, also entwickelt er seine eigene Methode. Seine Arbeit wirkt täuschend echt, und bald erhält er über den Helfer Franz Kaufmann neue Aufträge. Mit der Umarbeitung Dutzender Ausweise kann er andere Verfolgte retten.
Ab September 1942 lebt er versteckt unter falscher Identität, zunächst bei ahnungslosen Zimmerwirtinnen in Untermiete. Ein von Mittelsleuten gemieteter Laden in Berlin-Moabit, den er sich mit dem ebenfalls „illegal“ lebenden jüdischen Drucker Ludwig Lichtwitz und dem im Untergrund tätigen jüdischen Elektriker Werner Scharff teilt, ist seine Werkstatt. Sich selbst beschafft Cioma Schönhaus russische Papiere auf den Namen „Peter/Pjotr Petrow“. Als er sie verliert, wächst die Gefahr entdeckt zu werden. Helene Jacobs, eine mutige und umsichtige Mitstreiterin Kaufmanns, versteckt ihn fortan in ihrer Wohnung in Berlin-Wilmersdorf.
Durch eine Anzeige aus der Bevölkerung werden Jacobs, Kaufmann und etwa 50 weitere Mitstreiter im Sommer 1943 verhaftet. Cioma Schönhaus kann einer Festnahme knapp entkommen. Unmittelbar gefährdet, flieht er Ende September 1943 mit einem gefälschten Wehrpass und einem fingierten Urlaubsschein aus Berlin. Mit dem Fahrrad entkommt er nach Württemberg, wo ihm der evangelische Pfarrer Kurt Müller in Stuttgart und Pfarrfrau Inge Vorster in Degerloch beistehen. Anfang Oktober 1943 gelingt es ihm, in der Nähe des Dorfes Oehningen in die Schweiz zu fliehen. Dort beendet er seine Berufsausbildung und studiert Germanistik und Psychologie.
1953 macht er sich mit einer Grafikagentur selbständig. Er lebt in der Nähe von Basel und schreibt zurzeit seine Memoiren in mehreren Bänden.
Fahndungsmeldung nach Samson Cioma Schönhaus im "Deutschen Kriminalpolizeiblatt" vom 30. September 1943
Samson Cioma Schönhaus in der Sophienstraße – im Hintergrund die Sophienkirche in Berlin
Cioma Schönhaus: Der Passfälscher. Die unglaubliche Geschichte eines jungen Grafikers, der im Untergrund gegen die Nazis kämpfte, Frankfurt am Main 2004.
Cioma Schönhaus: Der Passfälscher im Paradies. Das Ende einer unglaublichen Odyssee, Frauenfeld 2010.
Katrin Rudolph: Hilfe beim Sprung ins Nichts. Franz Kaufmann und die Rettung von Juden und „nichtarischen“ Christen, Berlin 2005.











